samedi 13 juillet 2019

Rathaus und Möwenflügel

Außer Haus zu gehen ist jetzt entmutigende Kühnheit. Die Bekannten, falls sie einem begegnen, grüßt man, und mag sogar ein Schwätzchen mit ihnen halten, doch die Unbekannten gehen nicht etwa nur grußlos vorüber, sondern sie tun – ob zu Fuß oder auf elektrifizierten Gefährten – gerade so, als gäbe es einen nicht. Sie schauen niemals bis in fremde Augen, auch dann nicht, wenn der Waghalsige sie probehalber anblinzelt, und meist ist es so, dass sie bei Engpässen keinerlei Anstalten machen auszuweichen – der andere muss den Unbekannten wie Luft sein – und dieser selbst ausweichen muss, rechnet er absurderweise mit der Möglichkeit eines Zusammenstoßes von Nichtentitäten. Die bizarren Anstrengungen, die neuerdings unternommen werden, um miteinander bekannt zu machen, verstärken das Phänomen. Es gibt nichts mehr zwischen dem Grußwürdigen – Küsschen! Küsschen! – und dem schlechterdings Nichtexistenten. Nicht regelrecht bekannt mit einem, aber dennoch im gemeinsamen Raum als lebensdichte Mitkreatur erkannt, das war einmal die Bevölkerungsmehrheit und ist im progressiven Finanzmarktkapitalismus zum schieren Nichts verkommen.

1. Rathaus

Das Rathaus scheint dafür zu sein, dass jeder Bürger sich
Auf eine Art von Einrad oder Radelrutsch begebe
Und derart ausgerüstet durch ewige Jugend schwebe
Und wisse nicht mehr, wer er sei und was Bewegung solle
Doch dafür mit Musik im Ohr dem Nichts entgegenrolle
Und es seh aus wie Daseinsglück, nicht etwa fürchterlich.

Rathaus begrüßt auch, dass die Einwohner der Weltstadt ganz
Entspannt nicht weiter als die eigne Nase vorwärts schauen
Namentlich, wenn durch Kot sie radeln rein aus Selbstvertrauen.
Ich wär noch lieber ein Stück Hundedreck auf dem Trottoir
Als einer, der nicht merken soll, was einmal besser war;
Doch von Vergänglichkeit kennt man im Rathaus nur den
___________________________________________Schwanz.


2. Möwenflügel


Dem Urschleim wuchsen Flösslein voll aus Feuchte
Und hinterher gar Flügelchen (klagt Benn)
Und als er demnach seiner selbst entfleuchte
Flog der Gedanke auf: Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn es mich so gar nicht gäbe
Und ich Gedankenschleim noch immer wär?
Gottchen, das Fragen nützt nüscht. Schlag und lebe!
Die Antwort ist doch bloß nach unten schwer.

Sehr tief hinab zieht es den, der fein grübelt
Und wer sich solche Urschleimrätsel stellt
Der wäre wo? – es sei mir nicht verübelt:
Dem geht es meist recht gut in seiner Welt.


12. Juli 2019

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