1. Retrospektive
Habe erstmals diesen spektakulären Neubau aufgesucht, der nun auch schon ein paar Jahre steht. Er wirkt inzwischen recht abgehalftert – zumindest von außen, wo er leider der Witterung ausgesetzt ist. Diese modernen Materialien sind eben etwas unbeständig, man baut schließlich nicht mehr für die Ewigkeit, und kann die Neuheit deshalb nur bewundern, solange sie brandneu ist. Frechheit, das ja, und zwar mit Sicherheit, aber kann sich unter diesen Umständen denn noch Selbstvertrauen entwickeln?
Ich sah die kalten Bilder jenes kalten
Und zynischen, des bestbezahlten Meisters.
Falls Farben: hässlich grün und gelb und chemisch
Und falls schwarzweiß, banal: Auschwitz und RAF.
Es soll die große Kunst, so denkt der Spießer
Die Wirklichkeit abbilden nach Natur
Und ist sie mies, dann soll der Genius bitte
Ebenso Mieses schaffen, dass es stimmt.
Es scheinen die geschlecktesten der Laffen
Die selbstbewusstesten, doch was bewusst
Heißt, hat unter den Menschen und den Affen
Die pfiffigere Gattung nie gewusst.
2. Vorhang
Der Samtvorhang schafft künstlich Dunkelheit
Doch ist meist zugezogen in der Nacht
Wenn man ihn gar nicht braucht. Ab Morgengrauen
Schiebt er das neue Licht dann lang hinaus.
Spätabends wird vorausgeplant: Es will
Wohl einer selbst bestimmen, wenn es tagt
Oder auch nur dem Mondschein trutzen, der
Freilich nur den stört, dem er nicht behagt.
Wie solch ein schwerer Vorhang fühl ich mich:
Such mir nach Sinn, wenn’s überflüssig ist
Sorg schon im Finstern vor und lass mir nicht
Aufzwingen, wann ich mich zurückziehn müsst.
Ist Eigensinn ihm aber zuzutrauen
Obwohl sich Tuch doch nie von selbst bewegt?
Was er verbirgt, ist jenes Selbstvertrauen
Das davon zehrt, dass es ein andrer regt.
5. Februar 2026

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