1. Vom Guten schlechthin
Nicht unmöglich, ein netter Kerl zu sein
Von Güte will ich dabei überhaupt nicht reden –
Ein netter Kerl, sofort parat, falls drum gebeten
Nicht unmöglich ist es, ein Mensch zu sein.
Das gilt wohl für die Mehrheit, heißt mitnichten
Gleich jedem Bettler einen Fuffzger zu spendieren
Und sich wie weiland Jesus Christus aufzuführen
Und so zu tun, als könnt man alles richten
Denn richten kann man gar nichts auf der Welt.
Vor allem sind die netten Kerle die Versager.
Die, die was ausrichten, sind stets vom andern Lager
Und habens in der Hand, dass alles hält.
2. Vom Seelenadel
Dass Blumen aufblühn, wenn der Wohlstand geht
Wie man es immer wieder mal vernimmt
Ist auch so eine Sache, die nicht stimmt.
Dass innre Werte irgendwann gewinnen
Wie edle Geister sichs im Rausch ersinnen
Glaubt auch nur der, der nix von Schnaps versteht.
Dass Mammons Reich liegt in den letzten Zügen
Wie Frohnaturen dir erzählen wollen
Ist grad so wahr, wie dass die Rubel rollen.
Dass nur das Herz zu andern Herzen spricht
Und erst im Dunkeln leuchtet Sternenlicht
Ist auch nur eine ihrer feisten Lügen.
3. Von frommen Wünschen
Wir haben schon lange die Hoffnung verloren
Dass bessere Zeiten der Fortschritt verspricht
Und wollen jetzt eigentlich nur noch drauf hoffen
Dass halbwegs gesichert die winzige Rente.
Wir hatten uns ewige Treue geschworen
Und wussten, was Treusein bedeutet, noch nicht;
Doch „Hoffen“ heißt auch: alle Zukunft ist offen
Und „offen“ schließt ein, dass es schiefgehen könnte.
Und geht es denn schief, ist halt nichts mehr zu retten
Dann kann man auch das mit der Treue vergessen.
Wir waren ja immerhin nicht so vermessen
Uns mit mehr als billigen Phrasen zu ketten.
Und wäre nicht flüchtig das unreife Schwätzen
Und wäre die Zukunft nicht trauerberändert
Und wäre der Treubruch bewehrt mit Gesetzen
Es hätte doch alles nichts daran geändert.
4. Von einer Klimax des Glücks und des Pechs
Der Gute glaubt, woran er glaubt;
Der Bessere glaubt nicht, was er glaubt;
Der Allerbeste glaubt es wieder
Und trällert ungläubige Lieder.
Das heißt: der beste Mensch auf Erden
Kann stets noch übertroffen werden.
Es wär schon schön, wenn jeder wüsste
Wo er sich einreiht in der Liste;
Doch glaubt er nur, sich einzureihn
Dann kann er auch der Schlimmste sein.
Das heißt: das kleinste Glück auf Erden
Kann stets noch unterboten werden.
Ja, sitzt wer in der Gartenlaube
Und schwirrt um ihn die Friedenstaube
Weiß der doch nicht, woran er glaubt
Sobald er sich den Glauben raubt.
Das heißt: ihm ist als Pech beschieden
Das allergrößte Glück hienieden.
19. Dezember 2018